Lieber Thilo,
danke für Deine ausführliche Antwort, ich revangiere mich mit einer ebensolchen. Für mich stellt sich eine andere Frage. Ich war - bis auf meine Diplom- und Doktorarbeit - im engeren Sinne nicht wissenschaftlich tätig, wenn dann eher in der angewandten Wissenschaft, wo ich auch publiziert habe. Und ich war das auch nicht als Mikrobiologe, sondern als Entomologe und im Bereich Landwirtschaft. Ich habe keine Ambitionen, jetzt im Ruhestand der große Wissenschaftler der Protisten oder einer Gruppe davon zu werden. Das wäre auch mehr als vermessen. Den meisten Hobby-Mikroskopikern wird es so gehen. Selbst die Leute mit einem hohen Anspruch in unserem Umfeld, wie Michael Plewka oder Martin Kreutz, müssen oft passen oder verweisen darauf, dass man noch dieses oder jenes Detail gebraucht hätte, oder dass ohne Silberimprägnation überhaupt nichts zu machen ist, oder eben auch ohne Genanalyse.
Ich habe zwar ein sehr gutes Mikrsokop, in das ich mich auch gut eingearbeitet habe, und jetzt mit meinem neuen 63x Plan Apo noch ein Spitzenobjektiv habe. Aber ich stelle fest, dass ich von vielen Organismen sehr viele Aufnahmen machen müsste, um dann immer noch zu hören, dass man damit nicht auf die Art, sondern höchstens auf die Gattung kommt. Insofern ist es dann ernüchternd, aber nachvollziehbar, wenn man gesagt bekommt, "Das Bild zeigt mit hoher Wahrscheinlichkeit Chlamydomonas, mit der typischen Papille. Davon gibt es gefühlt hunderte Arten. Die Zuordnung bis zur Art ist sehr schwierig" oder "Zum Ciliaten kann man nichts sagen. Zum einen ein hypotricher (an sich schon schwierig) und zum anderen erledigt."
Angetreten bin ich, um Menschen, die davon keine Ahnung haben, die Vielfalt und auch Schönheit dieser Mikrowelt näher zu bringen, was bisher in meinem Umfeld auch ganz gut gelingt. Aber dann hatte ich doch auch den Anspruch genau zu wissen, was ich da vor mir habe. Jetzt sehe ich aber, dass das in sehr vielen Fällen nicht oder schlecht gelingt. Und ständig in den Foren um Bestimmunghilfe zu bitten, führt auch nicht weiter. Oft gibt es kaum Rückmeldung oder solche, wo man nicht weiß, ob man sich drauf verlassen soll.
Ich finde es zunehmend störend, meine Mikroskop-Zeit damit zu verbringen, hunderte Bilder von einem Organismus zu machen, um dann trotzdem nicht weiter zu kommen. Zwar habe ich als Ruheständler viel mehr Zeit, aber auch die möchte ich mir sinnvoll einteilen. Es bleibt spannend.
Grüße
Stephan
P. S.: Hier noch ein Beispiel, wo ich jetzt wieder Cirren und Cilien zählen und auswerten müsste, um ggf. zur Art zu kommen.

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