Urocentrum turbo
Verfasst: 4. Dezember 2016, 18:25
Liebes Forum,
in den letzten Tagen habe ich mich mit dem sehr häufigen Ciliaten Urocentrum turbo beschäftigt. Er dürfte allen Mikroskopikern bekannt sein, da er gerade in polysaproben Gewässern und in selbstgemachten Aufgüssen enorm häufig werden kann. Auch der Anfänger erkennt Urocentrum sofort an der taillierten Form und dem markanten Schwimmstil. Oft findet man ihn an einer Art Faden kreiselnd Nahrung einstrudeln. Löst er sich von dem Faden ab, ist er ein rasanter Schwimmer. Dies mag ein Grund dafür sein, dass es nicht sehr viele lichtmikroskopische Fotos von diesem Ciliaten gibt, die einige Details seines komplexen Aufbaues zeigen. Tatsächlich stellt schon die Aufnahme eines frei schwimmenden Exemplares eine gewisse Hürde dar, selbst wenn das Exemplar an einem Faden „taumelt“. Man kann die Schichtdicke nicht beliebig verringern, da Urocentrum eine schwache Deckglasempfindlichkeit zeigt. Schon 2005, noch in analogen Zeiten, habe ich mich an dieses Objekt gewagt. Da gute Aufnahmen jedoch auch etwas zufallsbedingt sind, wird es in solchen Fällen mit Diafilm recht teuer. Mit einer Digitalkamera ist dies alles einfacher und ich habe es jetzt noch mal probiert. Die folgenden fünf Aufnahmen zeigen ein frei schwimmendes Exemplar. Die ersten 2 wurden mit dem 60 X Objektiv aufgenommen:


Hier drei weitere Aufnahmen, welche mit dem 100 X aufgenommen wurden. Die zweite Aufnahme ist ein optischer Schnitt durch die Zelle. Man erkennt nicht nur den U-förmigen Makronukleus, der optisch zweimal geschnitten wurde, sondern zu fällig habe ich auch den Exkretionsporus (EP) der kontraktilen Vakuole in lateraler Sicht erwischt. Die letze der 3 Aufnahmen zeigt eine Eine Ansicht von der linken Seite. Woran erkennt man das? Die Mundgrube (MG) liegt rechts und ist in lateraler Ansicht getroffen. D.h. in dieser Sichtweise ist rechts die Frontseite des Ciliaten (immer da wo die Mundöffnung liegt). Es kann also nur die rechte Ansicht sein, um die Mundöffnung auf der rechten Seite der Zelle zu sehen.



MG = Mundgrube
EP = Exkretionsporus der kontraktilen Vakuole
KV = kontraktile Vakuole
Ma = Makronukleus
Dieses kleinere Bild stammt von 2005 (auf Dia), welches ich auch in PM Vol. 3 verwendet habe:

Man erkennt auf diesen Fotos, dass die Caudalcilien „gezwirbelt“ sind. Der Grund dafür ist unbekannt. Eventuell hängt es mit der Produktion des Fadens zusammen, der von den Caudalcilien entspringt. Trotz genauer Beobachtung, konnte ich bei angehefteten Exemplaren diesen Faden jedoch nie erkennen. Entweder ist er einfach zu dünn oder er ist in DIK nicht sichtbar. Auch der Vorgang des Anheftens des Fadens konnte ich nie genau erkennen. Dieser Vorgang scheint sehr schnell zu passieren. Ich konnte jedoch beobachteten, dass sich der Faden beim „taumeln“ stetig verlängert. Die Kreise, die Urocentrum dadurch am Ende des Fadens zieht, werden dadurch immer größer. Nach ca. 1-2 Minuten scheint ein kritischer Wert erreicht zu sein und der Faden wird abgelöst. Die Nahrungsaufnahme geschieht offensichtlich nur im angehefteten Zustand. Man kann dann sehr schön den Partikelstrom erkennen, den Urocentrum erzeugt. Um die in Äquatorhöhe liegende Mundöffnung zu erkennen, muss man Exemplare quetschen. Bei diesem Versuch muss man etwas die Nerven behalten. Die meisten Exemplare platzen sofort, aber einige wenige halten wenige Minuten durch, was man für ein paar Fotos nutzen kann. Die Mundöffnung ist etwas schräg angeordnet und direkt unterhalb schließt sich ein isoliertes Wimpernfeld an, welches schließlich in die Caudalcilien übergeht:

MO = Mundöffnung
WF = Wimpernfeld
CC = Caudalcilien
Wie geschieht jetzt die Nahrungsaufnahme mit einer seitlich gelegenen Mundöffnung. Urocentrum besitzt dafür eine komplexe Ciliatur und einige weitere Oberflächenmerkmale, welche nur bei weiterer genauer Untersuchung sichtbar werden. Wird der Fokus etwas angehoben, erkennt man die äquatoriale Furche (die Taille) und eine schwach ausgeprägte Rinne, welche von der Mundöffnung zu den Caudalcilien hin verläuft:

MO = Mundöffnung
ÄF = äquatoriale Furche
Ri = Rinne
Auf dem nächsten Bild erkennt man, wie die äquatoriale Furche zur Mundöffnung hin verläuft:

ÄF = äquatoriale Furche
Man kann sich gut vorstellen, wie ein äquatorialer, zirkularer Wasserstrom erzeugt wird, der zur Mundöffnung hin verläuft. Dort wird dann die Nahrung (Bakterien) herausfiltriert. Ob die nach hinten führende Rinne zur Ableitung des Wasserstromes dient, ist schwer zu sagen und kann nur vermutet werden. Zwischen der Bewimperung der vorderen Körperhälfte und dem äquatorialen Wimpernband klafft eine Lücke, die man lichtmikroskopisch ohne Silberimprägnierung nur schwer erkennen kann:

OW = oberes Wimpernfeld
ÄW = äquatoriales Wimpernband
Zum besseren Verständnis der dreidimensionale Form und Verteilung der Bewimperung von Urocentrum zeige ich hier noch eine REM Aufnahme von Wilhelm Foissner der ventralen Ansicht von Urocentrum turbo:

In einem optischen Schnitt erkennt man den Mundtrichter, wie er ins Körperinnere verläuft und in einer Nahrungsvakuole mündet:

MO = Mundöffnung
MT = Mundtrichter
NV = Nahrungsvakuole
Ma = Makronukleus
In einem weiteren optischen Schnitt kommt der Mikronukleus ins Bild, welcher in einer mittigen Einschnürung dem C-förmigen Makronukleus angelagert ist und der im hinteren Körperteil liegt:

Mi = Mikronukleus
Ma = Makronukleus
Ich wünsche allen viele Spass beim anschauen und einen schönen Abend!
Martin
in den letzten Tagen habe ich mich mit dem sehr häufigen Ciliaten Urocentrum turbo beschäftigt. Er dürfte allen Mikroskopikern bekannt sein, da er gerade in polysaproben Gewässern und in selbstgemachten Aufgüssen enorm häufig werden kann. Auch der Anfänger erkennt Urocentrum sofort an der taillierten Form und dem markanten Schwimmstil. Oft findet man ihn an einer Art Faden kreiselnd Nahrung einstrudeln. Löst er sich von dem Faden ab, ist er ein rasanter Schwimmer. Dies mag ein Grund dafür sein, dass es nicht sehr viele lichtmikroskopische Fotos von diesem Ciliaten gibt, die einige Details seines komplexen Aufbaues zeigen. Tatsächlich stellt schon die Aufnahme eines frei schwimmenden Exemplares eine gewisse Hürde dar, selbst wenn das Exemplar an einem Faden „taumelt“. Man kann die Schichtdicke nicht beliebig verringern, da Urocentrum eine schwache Deckglasempfindlichkeit zeigt. Schon 2005, noch in analogen Zeiten, habe ich mich an dieses Objekt gewagt. Da gute Aufnahmen jedoch auch etwas zufallsbedingt sind, wird es in solchen Fällen mit Diafilm recht teuer. Mit einer Digitalkamera ist dies alles einfacher und ich habe es jetzt noch mal probiert. Die folgenden fünf Aufnahmen zeigen ein frei schwimmendes Exemplar. Die ersten 2 wurden mit dem 60 X Objektiv aufgenommen:


Hier drei weitere Aufnahmen, welche mit dem 100 X aufgenommen wurden. Die zweite Aufnahme ist ein optischer Schnitt durch die Zelle. Man erkennt nicht nur den U-förmigen Makronukleus, der optisch zweimal geschnitten wurde, sondern zu fällig habe ich auch den Exkretionsporus (EP) der kontraktilen Vakuole in lateraler Sicht erwischt. Die letze der 3 Aufnahmen zeigt eine Eine Ansicht von der linken Seite. Woran erkennt man das? Die Mundgrube (MG) liegt rechts und ist in lateraler Ansicht getroffen. D.h. in dieser Sichtweise ist rechts die Frontseite des Ciliaten (immer da wo die Mundöffnung liegt). Es kann also nur die rechte Ansicht sein, um die Mundöffnung auf der rechten Seite der Zelle zu sehen.



MG = Mundgrube
EP = Exkretionsporus der kontraktilen Vakuole
KV = kontraktile Vakuole
Ma = Makronukleus
Dieses kleinere Bild stammt von 2005 (auf Dia), welches ich auch in PM Vol. 3 verwendet habe:

Man erkennt auf diesen Fotos, dass die Caudalcilien „gezwirbelt“ sind. Der Grund dafür ist unbekannt. Eventuell hängt es mit der Produktion des Fadens zusammen, der von den Caudalcilien entspringt. Trotz genauer Beobachtung, konnte ich bei angehefteten Exemplaren diesen Faden jedoch nie erkennen. Entweder ist er einfach zu dünn oder er ist in DIK nicht sichtbar. Auch der Vorgang des Anheftens des Fadens konnte ich nie genau erkennen. Dieser Vorgang scheint sehr schnell zu passieren. Ich konnte jedoch beobachteten, dass sich der Faden beim „taumeln“ stetig verlängert. Die Kreise, die Urocentrum dadurch am Ende des Fadens zieht, werden dadurch immer größer. Nach ca. 1-2 Minuten scheint ein kritischer Wert erreicht zu sein und der Faden wird abgelöst. Die Nahrungsaufnahme geschieht offensichtlich nur im angehefteten Zustand. Man kann dann sehr schön den Partikelstrom erkennen, den Urocentrum erzeugt. Um die in Äquatorhöhe liegende Mundöffnung zu erkennen, muss man Exemplare quetschen. Bei diesem Versuch muss man etwas die Nerven behalten. Die meisten Exemplare platzen sofort, aber einige wenige halten wenige Minuten durch, was man für ein paar Fotos nutzen kann. Die Mundöffnung ist etwas schräg angeordnet und direkt unterhalb schließt sich ein isoliertes Wimpernfeld an, welches schließlich in die Caudalcilien übergeht:

MO = Mundöffnung
WF = Wimpernfeld
CC = Caudalcilien
Wie geschieht jetzt die Nahrungsaufnahme mit einer seitlich gelegenen Mundöffnung. Urocentrum besitzt dafür eine komplexe Ciliatur und einige weitere Oberflächenmerkmale, welche nur bei weiterer genauer Untersuchung sichtbar werden. Wird der Fokus etwas angehoben, erkennt man die äquatoriale Furche (die Taille) und eine schwach ausgeprägte Rinne, welche von der Mundöffnung zu den Caudalcilien hin verläuft:

MO = Mundöffnung
ÄF = äquatoriale Furche
Ri = Rinne
Auf dem nächsten Bild erkennt man, wie die äquatoriale Furche zur Mundöffnung hin verläuft:

ÄF = äquatoriale Furche
Man kann sich gut vorstellen, wie ein äquatorialer, zirkularer Wasserstrom erzeugt wird, der zur Mundöffnung hin verläuft. Dort wird dann die Nahrung (Bakterien) herausfiltriert. Ob die nach hinten führende Rinne zur Ableitung des Wasserstromes dient, ist schwer zu sagen und kann nur vermutet werden. Zwischen der Bewimperung der vorderen Körperhälfte und dem äquatorialen Wimpernband klafft eine Lücke, die man lichtmikroskopisch ohne Silberimprägnierung nur schwer erkennen kann:

OW = oberes Wimpernfeld
ÄW = äquatoriales Wimpernband
Zum besseren Verständnis der dreidimensionale Form und Verteilung der Bewimperung von Urocentrum zeige ich hier noch eine REM Aufnahme von Wilhelm Foissner der ventralen Ansicht von Urocentrum turbo:

In einem optischen Schnitt erkennt man den Mundtrichter, wie er ins Körperinnere verläuft und in einer Nahrungsvakuole mündet:

MO = Mundöffnung
MT = Mundtrichter
NV = Nahrungsvakuole
Ma = Makronukleus
In einem weiteren optischen Schnitt kommt der Mikronukleus ins Bild, welcher in einer mittigen Einschnürung dem C-förmigen Makronukleus angelagert ist und der im hinteren Körperteil liegt:

Mi = Mikronukleus
Ma = Makronukleus
Ich wünsche allen viele Spass beim anschauen und einen schönen Abend!
Martin
