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Magenmatrose mit dünnem Häutchen(Gastronauta (membranaceus))
Verfasst: 5. April 2016, 17:07
von Nostoc
Liebe Tümpler,
wie
Gastronauta (membranaceus) zu seinem Namen gekommen ist (den ich oben hoffentlich richtig eingedeutscht habe …), ist mir leider unbekannt, aber dieser Ciliat passt als Vertreter der Cyrtophorida zu dem unlängst hier vorgestellten
Trithigmostoma cucullulus. Ich habe Gastronauta bisher nur vereinzelt in einem Biotop in Bayern, einem stark eutrophierten Teich, vorgefunden. Meine Bilder dieses recht kleine Ciliaten (ca. 60x30µm) sind aus technischen Gründen leider suboptimal, aber da Gastronauta eher „selten“ anzutreffen ist, habe ich mich dennoch dazu entschlossen, meine Ergebnisse hier kurz vorzustellen. Falls jemand über passendes, zusätzliches Bildmaterial verfügt, würde ich mich sehr über eine ergänzende Präsentation freuen!
Gastronauta ist in etwa elliptisch bzw. leicht nierenförmig geformt und fällt durch seine große, „lineare“ Mundöffnung auf. Der Mund wird nach meiner Beobachtung unter dem Deckglas regelmäßig von der circumoralen Wimpernreihe verdeckt. Dieser „Vorhang“ besteht bei näherer Betrachtung aus teilweise miteinander verschmolzenen Cilien (=> „membranaceus“(?)). Ventral liegt in der Körpermitte ein wimpernfreies Areal („Glatze“, Unterscheidungsmerkmal zu
G. clatratus).
Dorsal sind keine Wimpern zu erkennen, wohl aber zwei Dorsalbürsten(DB) (der zweite, randständige Taster ist auf meinem Bild nur "erahnbar"). Diagonal eingerahmt von den beiden kontraktilen Vakuolen (KV) liegt der Makronukleus (Ma), der seinerseits einen tropfenförmigen Nucleolus umschließt. Die uhrglasförmig (konkav) eingetiefte Ventralseite korrespondiert dorsal mit einem „Höcker“ (DH), der von einem Saum (Sm) umgeben ist.
Am stark gequetschten Exemplar wird der genaue Verlauf der Wimpernreihen sichtbar, die aber in der mit „µF“ bezeichneten Zone fehlen. Unterhalb des Makronukleus (Ma) liegt der Mikronukleus (Mi) mit den beiden Vakuolen (CV), eine davon mit Exkretionsporus (EP) (Mu= Mund).
Beste Grüße
Richard
(Verwendete Literatur: Foissner „Revision“ Band 1, S. 106 ff.)
Re: Gastronauta membranaceus
Verfasst: 5. April 2016, 18:17
von Monsti
Lieber Richard,
wow, jetzt kriegen Martins Meisterwerke ja direkt Konkurrenz!!!
Deine Dokumentation ist wirklich großartig - vielen Dank dafür! Schade nur, dass ich diesen kleinen Ciliaten mangels stark eutrophierter Gewässer wohl nicht so schnell zu Gesicht bekommen werde. Martin kennt ihn bestimmt.
Begeisterte Grüße aus dem Saharastaub *hüstel*
Angie
Re: Magenmatrose mit dünnem Häutchen(Gastronauta (membranace
Verfasst: 5. April 2016, 19:12
von MartinKreutz
Hallo Richard,
eine sehr schöne Dokumentation und super Aufnahmen! Angie liegt da völlig falsch, ich selbst habe Gastronauta noch nie gefunden. Deshalb ist es schön, Gastronauta hier mal zu sehen und eine sehr schöne Abwechslung zu anderen, oft gezeigten Objekten. Die wimpernfreie Zone auf der Ventralseite hast Du sehr gut getroffen. Die besten mir bekannten Lebendaufnahmen von Gastronauta membranaceus stammten bisher von William (Bill) Bourland, aber Deine Ventralseite zeigt mehr Details (warum sagst Du suboptimal?). Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber meine Literatur zu diesem Vieh ist sehr dünn. Eigentlich habe ich nur was von Kahl, der eine kommensale Lebensweise eventuell mit Muscheln vermutet. Dagegen sprechen aber die Beobachtungen von Bourland, der Kieselalgen als Nahrung beobachtet hat und ein Leben an der Kahmhaut vermuten lässt. Die genaueste Beschreibung scheint von Wilbert 1972 zu stammen, die mir aber nicht vorliegt. Hast Du die? Hast Du eigene Beobachtungen zur Lebensweise/Nahrung?
Martin
Re: Magenmatrose mit dünnem Häutchen(Gastronauta (membranace
Verfasst: 6. April 2016, 08:54
von Nostoc
@Angie, Danke für die positive Einschätzung, aber „Gigantomanie“ ist nicht mein Ding …….... :D
@Martin, Dein Lob ehrt mich sehr, auch ich wüsste gerne mehr über diesen „kleinen, seltsamen Infusor“. Fraglicher Gastronauta-Tümpel befindet sich in einer stark landwirtschaftlich genutzten Gegend (bayerische Klärschlamm- bzw. Gülle-Wüste). Das Wasser der Schöpfprobe wies einen pH-Wert von 7-8 und einen Leitwert von 550µS auf. Schon aufgrund des Laubeintrages durch die umstehenden Bäume gehe ich von einem hohen „Nährstoffgehalt“ aus. Ich habe Gastronauta mit einer Draht-Öse von der Oberfläche der „bakterienlastigen“ Probe (geringe Kahmhautbildung) abgenommen. Meine Stichproben enthielten nur sehr vereinzelt auffällig behäbige Exemplare von Gastronauta. Da der Gastronauta-Tümpel für mich einigermaßen gut erreichbar ist, werde ich dort gelegentlich nach neuem Material Ausschau halten und ggf. auch an Interessierte abgeben. Meine Literatur zu diesem Thema beschränkt sich auf den „Kahl“ und den oben erwähnten „Foissner“. Leider ist die Wissensbeschaffung im Internet für mich als Amateur zunehmend an die Überwindung erheblicher (finanzieller) Barrieren geknüpft. Von Foissner scheint es eine weitere Arbeit zu geben, die aber ggf. mit der erwähnten „Revision“, zumindest teilweise, deckungsgleich sein könnte:
http://fodok.uni-salzburg.at/pls/portal ... 5&lang=158
Meine Anmerkung zur Bildqualität bezieht sich einerseits auf die in diesem Fall unglückliche Kombination von DIC Prisma und (Fremd-)Objektiv und andererseits auf die Erkenntnis, „dass man nur das sehen kann, was man weiß“. Da Goethe auch "Mikroskopiker" war, wusste er vermutlich, wovon er sprach. :wicked_014:
Zur Technik bzw. Problematik meiner DIC Einrichtung habe ich mich hier kurz geäußert:
=>
http://www.mikro-tuemplerforum.at/viewt ... f=26&t=299
Beste Grüße
Richard
Re: Magenmatrose mit dünnem Häutchen(Gastronauta (membranace
Verfasst: 6. April 2016, 19:00
von MartinKreutz
Hallo Richard,
ich kann Dir sagen, dass die Literaturbeschaffung auch für mich sehr schwieirig ist, obwohl ich von Wilhelm Foissner dankenswerter Weise immer mit seinen neuesten Monografien versorgt werde. Aber es gibt sehr viele pdf Artikel, die man bezahlen muss. Die Bestimmungsliteratur ist auch sehr teuer, weshalb ich mir einiges an der Konstanzer Uni-Bibliothek bestellt und kopiert habe.
Bei Gastronauta membranaceus lichtmikroskopisch etwas neues zu finden, wird schwieirig. Dafür ist er dann doch zu häufig gefunden und untersucht worden. Aber ich kann Dir sagen, dass es noch viele unbeschriebene und extrem seltene Arten manchmal direkt vor der Haustür gibt. Ich werde in den nächsten Tagen/Wochen zu diesem Thema mal was zeigen.
Von sehr vielen Protisten gibt es nur eine Originalbeschreibung und wenn man Glück hat noch ein oder zwei dokumentierte Sichtungen danach. Mein weiß über diese Arten also quasi nichts. Am Beispiel Gastronauta ist z.B. bis heute unklar, wo denn jetzt wirklich sein Lebensraum ist und was seine Nahrung ist. Die Angaben sind bisher widersprüchlich. Deshalb ist es wichtig, auch als Amateur seine Beobachtungen zu dokumentieren, auch wenn sie simpel erscheinen mögen. Nur wo dokumentiert man das? Früher habe ich im Mikrokosmos veröffentlicht. Jetzt mehr im Forum. Der Vorteil an diesem Forum ist, dass es von Google komplett gescreent wird und das die Beiträge mit den verlinkten Bildern angezeigt werden (im Gegensatz zum Mikroskopie-Forum). Darum in diesen thread alle Deine Beobachtungen reinpacken, damit es für andere sichtbar wird. Und es gibt Leute die danach suchen! Ich habe in der Vergangenheit schon öfters Anfragen bekommen, die meine Beiträge im Forum gefunden haben. Sie konnten den Text vielleicht nicht lesen, da deutsch, aber sie haben die Bilder gesehen. Deshalb ist es mir wichtig, dass die Google Suchmaschine die verlinkten Bilder mit erfasst.
Jetzt bin ich etwas ins schwafeln gekommen! Sorry, will Deinen thread nicht verwässern!
Martin
Re: Magenmatrose mit dünnem Häutchen(Gastronauta (membranace
Verfasst: 7. April 2016, 15:29
von Nostoc
Hallo Martin,
vielen Dank für deine Stellungnahme ! Es stimmt, Gastronauta gehört sicherlich nicht zu den "Raritäten",
sonst hätte es dieser Ciliat nicht bis in Foissners "Revision" "geschafft". Im Mikrokosmos Heft 5/2012 gab es in
einem Übersichtsartikel über das Periphyton sogar drei REM-Aufnahmen dieses markanten "Burschen".
Ich teile deine Überlegungen zum Thema Internet und Dokumentation, zumal hier ähnlich wie bei Wikipedia die
Chance besteht, aus vielen Einzelbeiträgen eine Informationsquelle zu generieren. Wie das Schicksal
des "Mikrokosmos" zeigt, sind traditionelle Medienunternehmen u.U. nicht mehr bereit, diese Rolle zu übernehmen.
Richard
Re: Magenmatrose mit dünnem Häutchen(Gastronauta (membranace
Verfasst: 9. April 2016, 06:23
von Ole
Hallo Richard,
ich bedanke mich ebenfalls für die Vorstellung dieses Ciliaten. Die beeindruckenden Dokumentationen von Martin und Dir haben mich motiviert, einmal selbst näher in die Mikroskopie eines Ciliaten einzusteigen. In verrottendem Diatomeen-Material finde ich z.Zt. gerade reichlich Colpidium, von dem ich einige Fotos gemacht habe. Ich versuche, sie im Laufe des Wochenendes einzustellen.
Viele Grüße
Ole
Re: Magenmatrose mit dünnem Häutchen(Gastronauta (membranace
Verfasst: 9. April 2016, 08:44
von Nostoc
Hallo Ole,
ich freue mich schon auf deinen Beitrag !
Richard