Oxytricha sphagni (Kahl, 1932)
Verfasst: 19. April 2026, 20:26
Hallo,
Hypotricha, übersetzt die "wenig behaarten", bilden eine Gruppe der Wimpertiere, deren Bestimmung wohl die größten Probleme bereitet. Dies nicht nur aufgrund der Ähnlichkeit der Arten, sondern auch aufgrund der Abgrenzung verschiedener Gattungen innerhalb der Familie der Oxytrichidae.
Ich möchte hier Oxytricha sphagni (Kahl, 1932) vorstellen. Ich isolierte das Exemplar heuer am Heiligen Meer aus einer Probe mit Sphagnum Moos, die dem kleineren Erdfallkolk entnommen wurde. Nomen est omen könnte man sagen. Auch Alfred Kahl hatte diese Art nur einmal in größerer Anzahl in einem Sphagnum Rasen beobachtet.
Oxytricha sphagni hat nach Kahl eine Körperlänge von 100-120 µm. Helmut Berger ergänzt, dass die adorale Membranellenzone etwa 27% der Körperlänge beträgt. Dies stimmt mit meinen Messungen recht gut überein. Die gröber erscheinenden Cirren der Bauchseite sind Bündel von Cilien, im Gegensatz zu den einzelnen Cilien der meisten anderen Ciliatengruppen. Auf diesen Cirren können die Hypotrichen recht flink vorwärts und rückwärts laufen, wobei sie abrupt die Richtung wechseln können, was die Beobachtung erschwert. An den beiden Bauchseiten gibt es zwei Reihen Cirren, auf denen Oxytricha sphagni recht geschickt herum laufen kann. Neben den gut erkennbaren Reihen der Bauchcirren zeichnete Kahl beiderseitig abstehende Marginalcirren. Am Ende finden sich auf der Bauchseite 5 Transversalcirren in einer hakenförmigen Anordnung, die an hinteren Ende von den seitlich umlaufenden Marginalcirren überragt werden (Abbildung 1). Kahl zeichnete diese marginalen Cirren hängend, was darauf hindeutet, dass er sie in der Bewegung wahrnahm. Sie sind feiner ausgeprägt und gegenüber den bauchseitigen Cirren weniger gut erkennbar. Sobald mein Individuum für einen Moment still hielt, standen diese Marginalcirren vom Körper nahezu senkrecht ab. Zu bemerken wäre noch, dass der Körper neben der gestreckten Form, wie ihn Kahl abbildete, recht biegsam ist. So "läuft" Oxytricha sphagni recht geschickt Kurven um Detritus Flockern herum und zeigt gelegentlich die dorsale Seite (Rücken).
Verwirrung innerhalb der Oxytrichidae gibt es insbesondere aufgrund der Abgrenzung mancher Gattungen. Ursprünglich stellte Kahl diese Art zur Gattung Opistotricha, mit dem Synonym Opistotricha sphagni. Die Abgrenzung der Gattung Opistotricha von Oxytricha führte er aufgrund der biegsamen Caudalcirren, jene Cirren innerhalb der seitlich abstehenden Marginalcirren, die das Ende umlaufen und hier die bauchseitigen Transversalcirren überragen. Kahl bezeichnete diese Abgrenzung jedoch als unsicher und riet im Zweifel den Schlüssel von Oxytricha mit in die Bestimmung einzubeziehen.
Die abgebildeten Algen im Körperinneren sind aufgrund der unterschiedlichen Färbung hin zu Gelb- und Brauntönen nicht als Zoochlorellen, sondern als fortschreitende Zersetzung von verdauten Algen zu deuten. Daraus kann man schließen, dass der Bursche sich offenbar von Bakterien und kleinen Algen ernährt.
Tipp: Die Hypotrichen lassen sich meist gut mit Hilfe von Videos bestimmen. Wichtig ist in der Bewegung die verschiedenen Ebenen des Korpus zu erhalten, um die Lage der Cirren an der Bauchseite gut abzubilden. Die Aufgabe diese Cirren abzubilden und die Schärfenebene bewusst von der Körpermitte weg zu lenken ist zu erlernen. Aus solch einem Video können die vielen Details der Bewimperung gut extrahiert werden.
Ich bin immer wieder erstaunt: Oxytrichiden zu beschreiben erfordert eine sehr gute Beobachtung von bestimmten Details, die der Anfänger ohne genaue Kenntnis, auf was man achten müsse, schlicht übersehen wird. Kahl besaß offenbar ein sehr gutes Mikroskop und ein gutes Auge. Offenbar verfügte er jedoch auch über gute Vorkenntnisse der Literatur, die ihm diese exakte Beobachtung der Hypotrichen ermöglichte, insbesondere die genaue Anordnung der bauchseitigen Cirren. Vermutlich arbeitete er mit einer sehr kontrastreich eingestellten schiefen Beleuchtung. Leider beschrieb er seine Beobachtungstechnik und auch das Mikroskop nicht näher. Welches Mikroskop genau er besaß, ist nicht überliefert, abgesehen von einem Foto mit einem Mikroskop im Hintergrund. Erst die systematische Anwendung von Versilberungen, wie nasse Versilberung und Protargol, die zur Zeit von Kahl parallel entwickelt wurde, ermöglichte später einen ähnlich detaillierten Vergleich der Arten. Man kann nur den Hut ziehen vor Alfred Kahl, mit welcher Genauigkeit er solch detaillierte Beschreibungen mit wenigen Worten und geschickt durchdachten, einfachen Skizzen der Organismen zu formulieren, die auch heute noch Bestand haben. Das erforderte nicht nur ein geschultes Auge, sondern auch eine clevere Idee, wie er die wichtigen Details mit wenigen Strichen überlieferte.
Gruß
Thilo
Literatur:
Legende:
AZM: adorale Membranellenzone
FC: Frontalcirren (3)
CC: caudale Marginalcirren
TC: transversale Cirren (5), hakenförmig angeordnet
Abbildung 1: Hoch aufgelöste Einzelaufnahme in der Bewegung bei einer Belichtungszeit von 1/800s. Gut erkennbar ist die adorale Membranellenzone des Mundfelds (oben). Die gemessene Länge stimmt gut mit den Angaben von Berger überein. Man erkennt in dieser Fokuslage die seitlich abstehenden Cilien, die am Körperende 5 Transversalcirren überragen (unten).
Abbildung 2: Standbild aus einem Full-HD Video in der Bewegung mit Fokus auf die ventralen, bauchseitigen Cirren.
Abbildung 3: Standbild aus einem Full-HD Video in der Bewegung mit Fokus auf die ventralen, bauchseitigen Cirren.
Abbildung 4: Zeichnung von Oxytricha sphagni aus Kahl (1932)
Hypotricha, übersetzt die "wenig behaarten", bilden eine Gruppe der Wimpertiere, deren Bestimmung wohl die größten Probleme bereitet. Dies nicht nur aufgrund der Ähnlichkeit der Arten, sondern auch aufgrund der Abgrenzung verschiedener Gattungen innerhalb der Familie der Oxytrichidae.
Ich möchte hier Oxytricha sphagni (Kahl, 1932) vorstellen. Ich isolierte das Exemplar heuer am Heiligen Meer aus einer Probe mit Sphagnum Moos, die dem kleineren Erdfallkolk entnommen wurde. Nomen est omen könnte man sagen. Auch Alfred Kahl hatte diese Art nur einmal in größerer Anzahl in einem Sphagnum Rasen beobachtet.
Oxytricha sphagni hat nach Kahl eine Körperlänge von 100-120 µm. Helmut Berger ergänzt, dass die adorale Membranellenzone etwa 27% der Körperlänge beträgt. Dies stimmt mit meinen Messungen recht gut überein. Die gröber erscheinenden Cirren der Bauchseite sind Bündel von Cilien, im Gegensatz zu den einzelnen Cilien der meisten anderen Ciliatengruppen. Auf diesen Cirren können die Hypotrichen recht flink vorwärts und rückwärts laufen, wobei sie abrupt die Richtung wechseln können, was die Beobachtung erschwert. An den beiden Bauchseiten gibt es zwei Reihen Cirren, auf denen Oxytricha sphagni recht geschickt herum laufen kann. Neben den gut erkennbaren Reihen der Bauchcirren zeichnete Kahl beiderseitig abstehende Marginalcirren. Am Ende finden sich auf der Bauchseite 5 Transversalcirren in einer hakenförmigen Anordnung, die an hinteren Ende von den seitlich umlaufenden Marginalcirren überragt werden (Abbildung 1). Kahl zeichnete diese marginalen Cirren hängend, was darauf hindeutet, dass er sie in der Bewegung wahrnahm. Sie sind feiner ausgeprägt und gegenüber den bauchseitigen Cirren weniger gut erkennbar. Sobald mein Individuum für einen Moment still hielt, standen diese Marginalcirren vom Körper nahezu senkrecht ab. Zu bemerken wäre noch, dass der Körper neben der gestreckten Form, wie ihn Kahl abbildete, recht biegsam ist. So "läuft" Oxytricha sphagni recht geschickt Kurven um Detritus Flockern herum und zeigt gelegentlich die dorsale Seite (Rücken).
Verwirrung innerhalb der Oxytrichidae gibt es insbesondere aufgrund der Abgrenzung mancher Gattungen. Ursprünglich stellte Kahl diese Art zur Gattung Opistotricha, mit dem Synonym Opistotricha sphagni. Die Abgrenzung der Gattung Opistotricha von Oxytricha führte er aufgrund der biegsamen Caudalcirren, jene Cirren innerhalb der seitlich abstehenden Marginalcirren, die das Ende umlaufen und hier die bauchseitigen Transversalcirren überragen. Kahl bezeichnete diese Abgrenzung jedoch als unsicher und riet im Zweifel den Schlüssel von Oxytricha mit in die Bestimmung einzubeziehen.
Die abgebildeten Algen im Körperinneren sind aufgrund der unterschiedlichen Färbung hin zu Gelb- und Brauntönen nicht als Zoochlorellen, sondern als fortschreitende Zersetzung von verdauten Algen zu deuten. Daraus kann man schließen, dass der Bursche sich offenbar von Bakterien und kleinen Algen ernährt.
Tipp: Die Hypotrichen lassen sich meist gut mit Hilfe von Videos bestimmen. Wichtig ist in der Bewegung die verschiedenen Ebenen des Korpus zu erhalten, um die Lage der Cirren an der Bauchseite gut abzubilden. Die Aufgabe diese Cirren abzubilden und die Schärfenebene bewusst von der Körpermitte weg zu lenken ist zu erlernen. Aus solch einem Video können die vielen Details der Bewimperung gut extrahiert werden.
Ich bin immer wieder erstaunt: Oxytrichiden zu beschreiben erfordert eine sehr gute Beobachtung von bestimmten Details, die der Anfänger ohne genaue Kenntnis, auf was man achten müsse, schlicht übersehen wird. Kahl besaß offenbar ein sehr gutes Mikroskop und ein gutes Auge. Offenbar verfügte er jedoch auch über gute Vorkenntnisse der Literatur, die ihm diese exakte Beobachtung der Hypotrichen ermöglichte, insbesondere die genaue Anordnung der bauchseitigen Cirren. Vermutlich arbeitete er mit einer sehr kontrastreich eingestellten schiefen Beleuchtung. Leider beschrieb er seine Beobachtungstechnik und auch das Mikroskop nicht näher. Welches Mikroskop genau er besaß, ist nicht überliefert, abgesehen von einem Foto mit einem Mikroskop im Hintergrund. Erst die systematische Anwendung von Versilberungen, wie nasse Versilberung und Protargol, die zur Zeit von Kahl parallel entwickelt wurde, ermöglichte später einen ähnlich detaillierten Vergleich der Arten. Man kann nur den Hut ziehen vor Alfred Kahl, mit welcher Genauigkeit er solch detaillierte Beschreibungen mit wenigen Worten und geschickt durchdachten, einfachen Skizzen der Organismen zu formulieren, die auch heute noch Bestand haben. Das erforderte nicht nur ein geschultes Auge, sondern auch eine clevere Idee, wie er die wichtigen Details mit wenigen Strichen überlieferte.
Gruß
Thilo
Literatur:
- Alfred Kahl, 1932: Urtiere oder Protozoa, 3. Spirotricha.
- Helmut Berger, 1999. Monograph of the Oxytrichidae. Kluwer Academic Publishers, U.S.A.
Legende:
AZM: adorale Membranellenzone
FC: Frontalcirren (3)
CC: caudale Marginalcirren
TC: transversale Cirren (5), hakenförmig angeordnet
Abbildung 1: Hoch aufgelöste Einzelaufnahme in der Bewegung bei einer Belichtungszeit von 1/800s. Gut erkennbar ist die adorale Membranellenzone des Mundfelds (oben). Die gemessene Länge stimmt gut mit den Angaben von Berger überein. Man erkennt in dieser Fokuslage die seitlich abstehenden Cilien, die am Körperende 5 Transversalcirren überragen (unten).
Abbildung 2: Standbild aus einem Full-HD Video in der Bewegung mit Fokus auf die ventralen, bauchseitigen Cirren.
Abbildung 3: Standbild aus einem Full-HD Video in der Bewegung mit Fokus auf die ventralen, bauchseitigen Cirren.
Abbildung 4: Zeichnung von Oxytricha sphagni aus Kahl (1932)