Hangvernässung in der Hohen Rhön als artenreicher Fundort

Beschreibung interessanter Gebiete bzw. Fundorte
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Ole
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Hangvernässung in der Hohen Rhön als artenreicher Fundort

#1 Beitrag von Ole » 6. Januar 2020, 22:00

Liebe Freunde des Tümpelns,

ich möchte hier von einer überaus artenreichen Algenprobe berichten, die mir in den vergangenen freien Tagen um den Jahreswechsel viele interessante Beobachtungen am Mikroskop beschert hat. Gesammelt habe ich die Probe Ende des Jahres in der Rhön, knapp 100 km nordöstlich von Würzburg.

Die Rhön ist ein hügeliges Mittelgebirge mit mancherorts nur gering ausgeprägtem Relief und sanft geschwungenen Höhenzügen (Hohe Rhön), andernorts jedoch auffallenden Bergkuppen (Kuppenrhön). Das gesamte Gebiet der Rhön ist von vulkanischen Aktivitäten des Tertiärs geprägt, die im Zusammenhang mit tektonischen Störungen im Zuge der Alpenauffaltung auftraten. Große Mengen von Lava wurden an die Oberfläche befördert und lagerten sich in Form von flächigen Basaltdecken ab bzw. kühlten unter der Erdoberfläche in Basaltgängen aus. Ein charakteristisches Teilgebiet der Rhön ist die Lange Rhön in der Höhen Rhön, ein weitgehend baumloses, von Basaltdecken gebildetes Hochplateau auf ca. 800 m Höhe, das sich grob gesprochen zwischen den Ortschaften Bischofsheim im Südwesten und Fladungen im Nordosten erstreckt.

Über weite Flächen ist die Lange Rhön von Borstgrasrasen bedeckt. Hierbei handelt es sich pflanzensoziologisch um einen nährstoffarmem Magerrasen mit eher sauren Bodenbedingungen. An zahlreichen Stellen in dieser exponierten Offenlandschaft der Rhön treten kleinräumige Hangvernässungen mit wenige Zentimeter tiefem, stehenden Wasser auf. Aus einer dieser Wasserstellen habe ich eine kleine Probe mitgenommen, die auf den ersten Blick sehr unscheinbar aussah – ein flockiges Gemenge grünlich-brauner Algenmassen, die sich zu schleimigen Fäden auszogen, wenn man mit dem Finger hindurchstrich. Ich erwartete eigentlich nur einen artenarme Spirogyra-Population, wurde zuhause bei der mikroskopischen Sichtung der Probe aber eines Besseren belehrt. Das folgende Bild zeigt einen repräsentativen Anblick der Probe bei schwächerer Vergrößerung (Objektiv 10:1):

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Eingebettet in ein lockeres Geflecht von Fäden der Xanthophycee Tribonema fanden sich zahlreiche Arten kleinerer Desmidiaceen, Diatomeen sowie kokkaler Chlorophyceen und Xanthophyceen.

Als erstes fielen die zylindrischen Zellen von Cylindrocystis brebissonii mit ihren abgerundeten Zellpolen und den markanten Pyrenoiden – einer der pro Halbzelle – auf. Der Differentialinterferenzkontrast betont daneben bei manchen Exemplaren den in der Mitte der Zelle liegenden Zellkern. C. brebissonii ist eine der Charakterarten der hier beschriebenen Algenassoziation:

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Als Beispiel für eine der zahlreichen Diatomeen der Gemeinschaft (u.a. Arten der Gattungen Pinnularia, Eunotia und Gomphonema) zeige ich hier einige Exemplare einer Gomphonema-Art in Gürtelbandansicht, zusammen mit dem farblosen Flagellaten Bicosoeca, der in einer Lorica (Lo) sitzt und zwei Geißeln – eine nach hinten weisende (pF) und eine vordere, charakteristisch aufgewickelte Geißel (aF) – trägt:

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In den dichten Watten der Algengesellschaft finden sich neben Cylindrocystis brebissonii zahlreiche weitere, eher unauffälligere Desmidiaceen. Die Gattung Cosmarium ist mit mindestens drei Arten vertreten. Relativ sicher konnte ich C. davidsonii und C. holmiense var. hibernicum bestimmen. Die Halbzellen von C. davidsonii (oben) zeigen einen deutlich gewellten Rand sowie eine schwache Einkerbung der Zellscheitel. Pro Halbzelle ist ein deutliches Pyrenoid erkennbar. C. holmiense var. hibernicum (unten) ist charakterisiert durch ihren annähernd sechseckigen Zellumriss und feine über die gesamte Zelle verteilte Poren (rechte Teilabbildung, erkennbar an den beiden Zellapizes):

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Bei einer weiteren Cosmarium-Art bin ich mir bei der Bestimmung unsicher; die Halbzellen weisen ebenfalls einen gewellten Rand auf, und daneben zeigen sie flache, abgerundete Höcker, die in Reihen (Pfeile) stehend von der Basis der beiden Halbzellen ausstrahlen:

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Schon in der ersten Übersichtsabbildung oben sind zwei Exemplare von Staurastrum proboscideum zu erkennen. Hier nun eine Detaildarstellung dieser triradiaten Staurastrum-Art in vier verschiedenen Schärfeebenen, aufgenommen bei starker Vergrößerung mit der Ölimmersion 100:1. Charakteristisch sind die in Längsreihen über die Halbzellen verlaufenden Zähnchen, die kurzen Arme der Halbzellen sowie die nur geringfügig ausgeprägte Einkerbung im Bereich des Isthmus:

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Zwischen den größeren Algenzellen fanden sich zahllose kokkale Algen. Soweit ich sie systematisch einordnen kann, handelt es sich um Vertreter der Xanthophyceen und Chlorophyceen. Zwei Abbildungen geben davon einen Eindruck. Beide sind mit der hoch auflösenden Ölimmersion 100:1 im Hellfeld aufgenommen, das den natürlichsten Eindruck von der Färbung der Plastiden und anderer Zellstrukturen liefert. Die erste Abbildung zeigt meines Erachtens zwei unterschiedliche Xanthophyceen (A und B), die – im Gegensatz zu Chlorophyceen – eher hellgrüne Plastiden zeigen und ein klares Cytoplasma aufweisen. Die kleineren, nur ca. 8 µm messenden Zellen (A) zeigen allesamt einen roten Fleck (Pfeile), der vermutlich keinen Augenfleck wie bei den Chlorophyceen darstellt, der dort der Orientierung am Licht dient, sondern einen Öltropfen. Möglicherweise handelt es sich um Botryochloris minima, die einen solchen roten Öltropfen aufweisen soll. Die größeren kugeligen Zellen (B) könnten die Art Botrydiopsis arrhiza darstellen; zumindest die zahlreichen parietalen Plastiden sehen im optischen Schnitt so aus wie im „Wassertropfen“ dargestellt. Allerdings irritiert die geringe Größe, die mit gut 10 µm deutlich unterhalb der dort angegebenen Maße liegt:

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Die folgende Abbildung zeigt neben der größeren Xanthophycee B auch winzige Chlorophyceen, erkennbar an der etwas rein-grüneren Plastidenfärbung und den ringförmigen Pyrenoiden (rote Pfeile), die bei Vertretern der Xanthophyceen – die ja keine Stärke als Reserveprodukt speichern sondern Chrysolaminarin und Öle – nicht auftreten. Auch die größere Xanthophycee B zeigt offenbar in einigen Exemplaren rote tropfenförmige Einschlüsse, die im optischen Schnitt flach-linsenförmig erscheinen (schwarze Pfeile). Insgesamt ein schwieriges Gebiet am Rande der Möglichkeiten der einfachen Durchlichtmikroskopie:

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Neben den auf den ersten Blick auffälligeren Algen traten in der Probe auch farblose Protisten auf. Dies waren insbesondere Vertreter der Heliozoen, von denen ich drei Arten vorstellen möchte. Zwischen Tribonema-Fäden treibt hier eine nicht näher bestimmte Raphidiophrys-Art mit schön ausgestreckten und mit Extrusomen besetzten Filopodien sowie elliptischen Schuppen (Pfeil):

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Weiterhin fand ich Exemplare einer etwas kleineren Art mit einer deutlichen Hülle von Tangentialschuppen und nadelförmigen, schwach gebogenen Spiculae. Ich vermute, hierbei handelt es sich um die Art Pterocystis erinaceoides:

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Auch ein kleines Exemplar der Art Acanthocystis turfacea war zu finden – erkennbar an den distal gegabelten kurzen Spiculae (Pfeile):

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Abschließend noch eine eher seltene Art (zumindest für mich war dies ein Erstfund): Pompholyxophrys ovuligera, ein amöboider Protist mit feinen Filopodien (nicht sichtbar) und winzigen, nur 2-3 µm messenden Schuppen (Pfeile), die mehrlagig den runden Zellkörper bedecken:

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Beste Grüße

Ole
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paramecium
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Re: Hangvernässung in der Hohen Rhön als artenreicher Fundort

#2 Beitrag von paramecium » 7. Januar 2020, 19:54

Hallo Ole,

vielen Dank für diese tollen Bilder. Auf Anhieb erkannt habe ich leider nur Cyrtolophosis mucicola auf der zweiten Abbildung links unten in der Ecke. Da scheint auch noch ein Rest des Gehäuses abgebildet. [smilie_happy_011.gif]

Wobei mich die Abbildungen der kokkalen Algen besonders interessieren. Ich finde Sie in Aeroplankton und gerne auch ingestiert bei Ciliaten. Zum Teil fand ich solche auch schon auf Blattwerk in 2m Höhe aufliegend zwischen Mehltau. Womit wir Lieblingsfutter einiger meiner Haustiere und Verbreitung dieser Algen auch schon angerissen haben. Diese Abbildung ist tatsächlich sehr natürlich gelungen.

Viele Grüße

Thilo

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Re: Hangvernässung in der Hohen Rhön als artenreicher Fundort

#3 Beitrag von sonam0 » 15. Januar 2020, 13:48

Hallo Ole,

deine Dokumentation gefällt mir. Zur Oberflächenvernässung habe ich eine Frage: Ist der Fundort aus deiner Sicht dauerhaft vernässt, oder eher vorübergehend?

Danke und Gruss

Arnold

Ole
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Re: Hangvernässung in der Hohen Rhön als artenreicher Fundort

#4 Beitrag von Ole » 9. Februar 2020, 19:07

Hallo Arnold,

nach meinem Eindruck - der auf einer einzigen Beobachtung beruht - ist der Standort nur temporär nass. Ein Teil der Feuchtigkeit war sicherlich durch geschmolzenen Schnee bedingt.

Viele Grüße

Ole

sonam0
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Re: Hangvernässung in der Hohen Rhön als artenreicher Fundort

#5 Beitrag von sonam0 » 3. März 2020, 09:52

Hallo Ole,

danke für diese Mitteilung.

Gruss Arnold

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