Einige seltene Bauchhärlinge aus oberpfälzer Naturschutzgebieten

z.B. Rädertiere, Bauchhärlinge, Strudelwürmer, Wenigborster
Antworten
Nachricht
Autor
Michael
Beiträge: 200
Registriert: 24. März 2016, 11:40
Wohnort: 93128 Regenstauf
Hat sich bedankt: 119 Mal
Danksagung erhalten: 111 Mal

Einige seltene Bauchhärlinge aus oberpfälzer Naturschutzgebieten

#1 Beitrag von Michael » 23. Dezember 2019, 18:47

Hallo in die Runde,

da ich seit kurzem zur Untersuchung der Gastrotrichen-Fauna von den naturachutzrechtlichen Auflagen in einigen oberpfälzer Naturschutzgebieten befreit wurde, habe ich das milde Klima vor Weihnachten genutzt, um mir einen ersten Überblick in zwei Naturschutzgebieten zu verschaffen. Obwohl ich mir eigentlich - wegen der Jahreszeit - nicht viel von der Beprobung versprach, habe ich dennoch einige recht seltene Bauchhärling gefunden, die ich hier kurz vorstellen möchte.

Beginnen wir mit dem Naturschutzgebiet "Weichselbrunner Weiher und Trockenkiefernwald bei Bodenwöhr" im Landkreis Schwandorf. Dieses Naturschutzgebiet beinhaltet den Weichselbrunner Weiher, ein vor einigen hundert Jahren künstlich angelegter Weiher, der zum Antrieb von Hammermühlen diente, als das Gebiet noch zum "Ruhrgebiet des Mittelalters" gehörte. Das Naturschutzgebiet besteht seit 1993. Die Proben wurden in einem Verlandungsgebiet am Ufer genommen.

Neben einigen häufigen Arten fand ich

Aspidiophorus longichaetus (KISIELEWSKI, 1986) (Länge ca. 140µ)

Bild
Bild 1: Aspidiophorue longichaetus

A. longichaetus hat - wie alle Mitglieder der Gattung Aspidiophorus - sog. Stielschuppen: Aus einer Basisplatte, die auf der Kutikula des Tieres aufliegt, erhebt sich ein Stil, an dessen Ende eine - in diesem Falle rhombische - Endplatte befestigt ist. Durch diese besondere Konstruktion der Schuppen scheinen die Tiere eine doppelte Kontur zu haben: innen die Kutikula, außen die geschlossenen Oberfläche der Endplatten.
Ungewöhnlich für die Gattung ist, dass sich die Stielschuppen bei A. longichaetus am Hinterende vergrößern und so die äußere Oberfläche weiter vom Tier weg wandert. In der letzten Schuppenreihe laufen die Endplatten in lange Stacheln aus, so dass das Hinterende des Tieres von einem langen, nach hinten gerichteten Stachelkranz geschützt wird. Zusätzlich trägt A. longichaetus ein Paar extrem lange Stacheln, die von der Zehenbasis ca. 40µm direkt nach hinten reichen und die Zehen weit überragen.
Von dieser Art wurde im Jahr 1978 lediglich ein einzelnes Exemplar in einem Altwasser in Polen gefunden, das dann 1986 (nachdem kein weiteres Material aufgetaucht war) zur Artbeschreibung genutzt wurde. Seither wurde A. longichaetus meines Wissen nicht wieder gesichtet. Der vorliegende Fund ist also das zweite beobachtete Tier. Viel seltener ist wohl nicht möglich!

Das zweite beprobte Gebiet ist das Naturschutzgebiet "Prackendorfer und Kulzer Moos". Dieses Moorgebiet wurde durch Schließen der Entwässerungsgräben renaturiert und durch einen Moorlehrpfad für die Öffentlichkeit erschlossen. Bis in die 1959ger Jahre wurde es für den Torfabbau genutzt.

Zusätzlich zu den üblichen, häufigen Arten fand ich:

Setopus bisetosus (THOMSON,1891) (Länge ca. 150µm)

Bild
Bild 2: Setopus bisetosus

Setopus bisetosus (manche Autoren sehen Setopus als Untergattung von Dasydydes, dann wäre der Name Dasydytes (Setopus) bisetosus) ist ein semiplanktischer Gastrotrich, der zur Fortbewegung nicht mehr streng an eine Oberfläche gebunden ist, sondern meist nahe über der Detritus-Oberfläche schwimmt. Es hat mich besonders gefreut, diese Art zu finden, da diese - früher häufige - Tiere durch Entwässerung und die industrielle Landwirtschaft sehr selten geworden sind. Das Auftreten dieser Art zeigt, wie wichtig Naturschutzgebiete auch zum Schutz der unauffälligen Meiofauna sind, die mit die Basis der Nahrungspyramide bildet.

Ichthydium diacanthum (BALSAMO & TODARO, 1995)

Bild
Bild 3: Ichthydium diacanthum

Wie alle Arten der Gattung Ichthydium trägt Ichthydium diacanthum keinerlei Schuppen (ist also nackt). Ungewöhnlich bei dieser Art ist, dass seitlich der Zehen ein Paar Stacheln zu finden sind, die die Zehen aber nicht überragen. Dieses Merkmal identifiziert die Art eindeutig und ist namensgebend. I. diacanthus wurde im Jahr 1995 erstmals beschrieben und ist bisher nur in Italien und in Schweden nachgewiesen. Dieser Fund ist also der erste in Deutschland.

Ichthydium maximum (GREUTER A., 1917) (Länge ca. 250µm)

Bild
Bild 4:Ichthydium maximum

Eine weitere seltene Ichthydium-Art ist Ichthydium maximum. Diese Art ist einer ganzen Reihe Ländern in Europa nachgewiesen. In Deutschland wurde sie aber noch niemals gesichtet. Ich habe diese sehr schlanke und große Art über überschwemmten Torfmoos-Polstern gefunden.

Bild
Bild 5: I. maximum, Seitenansicht mit Ei

Die schlanke Silhouette des Tieres ist unverkennbar und führt dazu, dass I. maximum mit einem reifen Ei an das bekannte Kinderbild "Riesenschlange, die einen VW-Käfer verschluckt hat" erinnert.

Bild
Bild 6: I. maximum, Sinnesschuppen und Ornamentierung der Kutikula

I. maximum trägt zwar, wie bei Ichthydium üblich, nahezu keine Schuppen. Lediglich die hinteren Sinneshaare entspringen aus Spezialschuppen (sog. Sinnesschuppen). Die Kutikula trägt feine, dichte Stege.

Bild
Bild 7: I. maximum, Ei

I. maximum fühlte sich in meinem Mikroaquarium wohl und ich konnte auch die Vermehrung des Tieres beobachten. Das Ei wird offen abgelegt und trägt keinerlei Ornamentierung.

Ich hoffe, Euch in der nächsten Zeit noch weitere Gastrotrichen-Seltenheiten zeigen zu können.

Ich wünsche allen schöne Feiertage und ein gesundes und interessantes neues Jahr!

Michael
Folgende Benutzer bedankten sich beim Autor Michael für den Beitrag (Insgesamt 8):
paramecium, rainerteubner, Pelagodileptus, StefanD, wejo, SteffenC, Rainer, Monsti
Bewertung: 100%
 

Benutzeravatar
Pelagodileptus
Beiträge: 54
Registriert: 2. April 2019, 21:43
Hat sich bedankt: 61 Mal
Danksagung erhalten: 52 Mal

Re: Einige seltene Bauchhärlinge aus oberpfälzer Naturschutzgebieten

#2 Beitrag von Pelagodileptus » 24. Dezember 2019, 16:52

Hallo Michael,

Wie von Dir gewohnt, eine tadellose Dokumentation über die Bauchhärlinge, plus Bebilderung. Ich als ehemaliger Naturschutzbeauftragter habe ja auch Zugänge zu Habiaten gehabt, die für andere nicht zugänglich waren. Ich hatte auch eine Sondergenehmigung für unser Hochmoor, nur die Ausnahmegenehmigung hierfür war zum Lachen. Ich kann das hier nicht alles in Worte fassen, dass würde den Rahmen sprengen.

In diesem Sinne, Dir und natürlich auch den mitlesern "Frohe Weihnachten " und einen gesunden Start ins "Neue Jahr ",

Pelago-Michael

Michael
Beiträge: 200
Registriert: 24. März 2016, 11:40
Wohnort: 93128 Regenstauf
Hat sich bedankt: 119 Mal
Danksagung erhalten: 111 Mal

Re: Einige seltene Bauchhärlinge aus oberpfälzer Naturschutzgebieten

#3 Beitrag von Michael » 27. Dezember 2019, 10:12

Hallo Michael,
es freut mich, dass mein Beitrag für Dich von Interesse war.
Pelagodileptus hat geschrieben:
24. Dezember 2019, 16:52
Ich hatte auch eine Sondergenehmigung für unser Hochmoor, nur die Ausnahmegenehmigung hierfür war zum Lachen. Ich kann das hier nicht alles in Worte fassen, dass würde den Rahmen sprengen.
Erst anfixen und dann nicht berichten - das geht doch gar nicht! :wicked_018: Die Story würde mich schon interessieren ....

Viele Grüße

Michael

Antworten