Ein eigenartiger und extrem seltener Bauchhärling - Ichthydium bifasciale

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Michael
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Ein eigenartiger und extrem seltener Bauchhärling - Ichthydium bifasciale

#1 Beitrag von Michael » 3. Dezember 2019, 12:32

Hallo In die Runde,

da ich meinen Gartenteich bereits seit mehreren Jahren nach Gastrotrichen durchforste, habe ich eigentlich keine Überraschungen mehr erwartet, als ich eine neue Methode ausprobiert habe, um Gastrotrichen vom Sediment zu trennen (Bärmann-Trichter). Deshalb war ich sehr erstaunt, einen extrem seltenen Gastrotrichen, Ichthydium bifasciale, zu finden.

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Bild 1: I. bifasciale, Seitenansicht

I. bifasciale hat, wie alle Gastrotrichen der Gattung Ichthydium, keinerlei Schuppen. In der Seitenansicht erkennt man die ungewöhnlich Gestalt dieser Art mit der lange "Schnauze" und der hohen "Stirn". Das Gehirn der Tiere liegt über dem Saugmagen und dehnt die Kutikula zu einer auffälligen Beule. Auch in der Draufsicht ist dadurch der "Kopf" der Tiere beidseitig erweitert. Gut sind auch die beiden starken Büschel von Tasthaaren beiderseits des Kopfes zu erkennen, die für die Art namensgebend waren.

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Bild 2: I. bifasciale, optischer Schnitt durch das Gehirn

Fokussiert man näher auf die Unterseite des Tieres, kann man die kleine, fast nach vorne weisende Mundöffnung mit der Verstärkung durch kutikulare Stäbe und den inneren Aufbau diese Art sehen. Vor der Mundöffnung erkennt man eine kleine kutikulare Platte, das sog. Kephalion. Die Mundöffnung mündet in der Saugmagen (Pharynx), mit dem das Tier die Nahrung einsaugt. Am Anfang des an den Pharynx anschließenden Darms befindet sich ein gold-brauner Bereich, der bei Gastrotrichen als "Magen" bezeichnet wird und nur bei sehr wenigen Arten auftaucht. Meist ist dieser Magen als Ring um den Darmeingang ausgebildet, während er bei diesem eigenartigen Tier nur dorsal an den Darm anliegt (in Bild 1 gut zu sehen).

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Bild 3: I. bifasciale, optischer Schnitt durch den inneren Aufbau

Geht man mit dem Fokus noch etwas tiefer auf die Unterseite des Tieres, kann man gut die beiden von einander getrennten Wimpernbänder erkennen, von denen die Bauchhärlinge ihren Namen haben. Bei dieser Art sind die Wimpernbänder vorne nicht vereinigt und enden bereits ein ganzes Stück vor den Zehen des Tieres.

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Bild 4: I. bifasciale, Bauchseite

Diese Zehen sind relativ dick und tragen sehr kleine, gebogene Kleberöhrchen, mit denen das Sekret der Klebedrüsen ausgeschieden wird.

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Bild 5: I. bifasciale, Zehen mit Hafröhrchen

Eines der gefunden Exemplare war in seiner post-partenogenietische "Zwitter"-Phase. In diesem Lebensabschnitt bilden die Süsswasser-Gastrotrichen - neben Sperma und Eiern - ein sog. X-Organ aus, dessen Funktion immer noch nicht geklärt ist. Bei I. bifasciale ist das X-Organ einteilig (wenn auch aus zwei Lappen bestehend), was sehr ungewöhnlich ist. Bei allen anderen mir bekannten Arten besteht das X-Organ aus zwei einzelnen, meist kugelförmigen, Gebilden.

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Bild 6: I. bifasciale, eintzeiliges X-Organ (vor den Zehen)

Legt man hier den Fokus wieder etwas höher, kann man gut den mittigen, bis an die Oberfläche des Tieres reichenden Ausführungsgang des X-Organs sehen.

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Bild 7: I. bifasciale, X-Organ mit Ausführungsgang

Bei den üblichen, zweiteiligen X-Organen ist der Ausführungsgang nicht sichtbar. Ob die Struktur noch Penis-artig über die Unterseite des Tieres herausreicht, konnte ich leider nicht beurteilen. Sperma konnte ich keines finden - das X-Organ wird aber üblicherweise vor der Spermienproduktion gebildet.
I. bifasciale wurde im Jahr 1990 von Schwank für ein Moor in Hessen erstmals beschrieben. Seither wurde das Tier - seit 30 Jahren - nicht mehr gesichtet. Dies mag an der vollkommen kryptischen Lebensweise der Tiere liegen, die sehr schwer von den Detritusflocken, die sie abweiden, zu trennen sind. Mir ist das nur gelungen, weil ich in einem Bärmann-Trichter den Bodenschlamm meiner Probe zurückgehalten habe. Der Schlamm wurde hierbei auf einem Siebgewebe (Planktonnetz, ca. 80µ Maschenweite) in einen Trichter gelegt, dessen Ende mit einem Schlauch mit Schlauchklemme verschlossen war. Der Trichter wurde dann mit Fundortwasser soweit aufgefüllt, das die Schlammprobe unterhalb des Wasserspiegels lag und über Nacht stehen gelassen. Viele der aktiven Tiere - Nematoden, Rädertiere, Ciliaten und eben auch die Bauchhärling - verlassen aktiv die Probe durch das Planktonnetz und sinken dann bis zu Grund des Trichter - also zur Schlauchklemme - ab. Von hier können sie dann ohne störenden Detritus in eine Petrischale abgelassen und untersucht werden.

Viele Grüße

Michael
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