Paracondylostoma setigerum chlorelligerum - Pillerseetreffen

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Ole
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Paracondylostoma setigerum chlorelligerum - Pillerseetreffen

#1 Beitrag von Ole » 6. Juli 2019, 13:34

Liebe Tümpler-Kollegen,

in meinen Schwemm-Proben des diesjährigen Pillerseetreffens fand und finde ich den Ciliaten Paracondylostoma setigerum chlorelligerum. Diese Art wurde hier im Forum vor einiger Zeit schon im Detail mit hervorragenden (DIK)-Bildern vorgestellt. Es gibt auch Interessantes zur Entdeckungsgeschichte zu lesen:

viewtopic.php?t=497

Ich stelle erneut Bilder dieses Ciliaten ein, da mich der Vergleich zwischen Bildern sorgfältig präparierter Exemplare unter Zuhilfenahme des DIK interessiert und solchen, die unter Exkursionsbedingungen (Hellfeld, LED-Beleuchtung mit Belichtungszeit zwischen 1/500 und 1/1000 ohne Blitz, Zeiss Neofluar 40/0,75, dicke Rohprobe ohne Vereinzelung des Ciliaten) typischerweise entstehen. Außerdem behandelt der zitierte Faden primär die Zoochlorellen-freie Variante dieses interessanten Objektes.

Ich persönlich komme mehr und mehr wieder zur Hellfeldbeleuchtung zurück - insbesondere für die zahlreichen Zieralgen, die wir im Rahmen des Treffens gefunden haben, ist das einfache Hellfeld in den meisten Fällen am besten geeignet. Auch beim Ciliaten P. setigerum chlorelligerum sind die meisten bestimmungsrelevanten Merkmale so erfassbar (Tc=Tastcilien, fC=frontale Cilien, Man=Makronukleus, Zc=Zoochlorellen, Mt=Mundtrichter, adM=adorale Membranellen, kV=kontraktile Vakuole):

Bild

Beste Grüße

Ole

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paramecium
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Re: Paracondylostoma setigerum chlorelligerum - Pillerseetreffen

#2 Beitrag von paramecium » 10. Juli 2019, 21:00

Hallo Ole,

ich kann das völlig nachvollziehen, wenn Du zur Hellfeldbeleuchtung zurück kommst. Kompliment, diese Aufnahmen sind sehr detailliert.

Viele Grüße

Thilo
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Re: Paracondylostoma setigerum chlorelligerum - Pillerseetreffen

#3 Beitrag von Monsti » 11. Juli 2019, 20:31

Lieber Ole,

ich fange erst gar nicht mit dem DIK an. Er sieht zwar schön aus, und man erhält durchaus Zusatzinformationen, die man mittels anderer Kontrastverfahren nicht erhält, doch ist für mich immer noch die Erfahrung des Beobachters das A und O. Man überlege mal, wie Kahl einst mikroskopiert hatte. Ihm stand vermutlich nichts anderes als das Hellfeld zur Verfügung. Von ihm könnten sich viele stolze Jungforscher eine ganz dicke Scheibe abschneiden.

Und ja, man erkennt auf Deinen Fotos alle relevanten Details, die eine Bestimmung bis zur Art möglich machen. Gut gemacht! :wicked_001:

Ich erkenne das Viecherl immer auf den ersten Blick, da es bei uns in den Übergangs- und Hochmooren sehr häufig vorkommt. Meist ist es wegen der Zoochlorellen überwiegend grün, doch ab und zu finde ich auch weniger gefüllte Tierchen:
paracondyl.setig.schw2.jpg
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Angie
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Re: Paracondylostoma setigerum chlorelligerum - Pillerseetreffen

#4 Beitrag von Ole » 12. Juli 2019, 08:24

Hallo Angie und Thilo,

Danke Euch beiden für die Rückmeldung.

Ohne zu sehr ins Wahrnehmungspsychologisch-Philosophische abzugleiten, würde ich es so sehen: Beim Hellfeld schätze ich die Schlichtheit des Verfahrens, den unverstellteren Kontakt mit dem Objekt, die vom Beobachter zu leistende Aufmerksamkeit für kontrastschwache Einzelheiten und die Natürlichkeit der Farben. Der DIK ist für die fotografische Darstellung und Demonstration zahlreicher Details bei vielen kontrastarmen Protisten unübertroffen und bietet häufig sehr ästhetische Bilder, die aber immer Gefahr laufen, durch die heutigen Methoden der Bildbearbeitung überzeichnet zu werden und dann grell-plakativ wirken. Dass der DIK zusätzliche Einzelheiten sichtbar macht, die im Hellfeld gänzlich unsichtbar bleiben, steht außer Frage - am Beispiel des eingangs zitierten Fadens kann man das gut am Mikronukleus sehen, den Martin Kreutz mit dem DIK darstellt, der aber im Hellfeld unsichtbar bliebe.

Wie schön, dass es verschiedene Zugänge zu unseren Objekten gibt und man sich auch als einzelner Mikroskopiker nicht festlegen muss! Als DIK-Liebhaber und Nutzer ziehe ich häufig an meinem Olympus BHS den Schieber raus und wechsele unmittelbar vom DIK zum Hellfeld. Und dann sollten wir natürlich nicht vergessen, wie schön auch das Kontrastverfahren Phasenkontrast sein kann, wenn die Objekte nur dünn genug sind.

Beste Grüße

Ole

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Re: Paracondylostoma setigerum chlorelligerum - Pillerseetreffen

#5 Beitrag von Monsti » 13. Juli 2019, 21:45

Lieber Ole,

interessant finde ich übrigens die Zusatzbezeichnung "chlorelligerum", denn bei meinen Funden sehe ich immer wieder Tiere, die vollkommen grün sind. Andere haben nur wenige Zoochlorellen in der Zelle, wieder andere besitzen gar keine. Ich mache da deshalb keinen Unterschied, zumal ich mitunter alle drei Varianten in einem einzigen Präparat finde. Vielleicht hängt die Bestückung mit Zoochlorellen ja mit dem Alter des Ciliaten zusammen?

Herzliche Grüße
Angie
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Re: Paracondylostoma setigerum chlorelligerum - Pillerseetreffen

#6 Beitrag von paramecium » 16. Juli 2019, 21:01

Hallo Angie,

den bisher einzigen Beleg dieser neu benannten Sub-Spezies finde ich bei Foissner & Kreutz (1998):
http://www.wfoissner.at/data_prot/Foiss ... 27-240.pdf

Ich finde es recht schwierig von symbiotischen Zoochlorellen zu sprechen, ohne weitere, vor allem auch mikrobiologische Belege für eine solche Symbiose nachweisen zu können. Hier könnte höchstens Martin himself Klärendes zu den näheren Umständen dieser Befundung beitragen, falls er hier noch mitliest. Dass beide Arten eventuell doch dieselbe darstellen, geben die beiden Autoren dann in der Arbeit auch zu bedenken, so dass diese Subspezies eher zu bezweifeln ist, solange keine mikrobiologischen Belege angeführt werden können. Es ist aber eventuell auch legitim, die neue Spezies zunächst für sich zu beanspruchen, bis das geklärt ist.

In Mooren rund um den Pillersee sind mir recht viele Ciliaten unter gekommen, die voll mit Chlorellen waren. Ob diese, wie im Fall Paramecium bursaria, tatsächlich symbiotisch sind oder nicht, wäre hier im Einzelfall näher zu untersuchen.

Wenn man in den Proben bei solch hoher Dichte von Algen mitunter vorwiegend Ciliaten mit Chlorellen findet, dann kann man zwar auf die Idee kommen, dass es sich um symbiotische Algen handelt, muss aber nicht. Rund um den Pillersee ist im Sommer ja die Algendichte so hoch, dass man schon froh ist überhaupt einen Ciliaten zu finden. Das ist also beileibe kein Indikator. Die von Foissner & Kreutz (1998) als neu beschriebene Art (Subspezies) kann man hier auch als Mutmaßung auffassen, da keine weiteren Belege für eine echte symbiotische Form gegeben werden. Die Proben vom Simmelried, die Martin regelmäßig mit nach Bodman brachte, können nach meinen Beobachtungen durchaus eine ähnlich hohe Dichte an Algen aufweisen. Solche Algenblüten sind eher typisch für sommerliche Ausprägungen solcher Habitate eher permanenter Moore, aber auch in den frühen Monaten des Jahres bei ephemeren Gewässer, wie den Maaren in meiner Region.

Im Falle meiner Beobachtung von Nassolopsis elegans hat sich das noch während unseres Aufenthalt am Pillersee wie folgt gezeigt: Eine Nacht in der feuchten Kammer und schon waren die beiden gefundenen Ciliaten frei von jeglichen Chlorellen. Ich denke, das ist ein einfacher Test, symbiotische Algen mit etwas Geduld und Pflege einer Probe in der feuchten Kammer auszuschließen.

Bei Stichotricha sp., die wir heuer ebenfalls in den Proben am Pillersee fanden, war diese Überprüfung meines Erachtens unsicherer. Vielleicht hattet ihr unsere Diskussion im Nebenzimmer mitbekommen. Diese Proben waren auch nach zwei Tagen noch durchweg von Stichotricha mit Chlorellen besiedelt. Allerdings fanden sich nach zwei Tagen auch noch ausreichend Chlorella in der selben Probe. Zunächst waren wir uns sogar über die Art unsicher, da Kahl sogar noch differenziert, ob der vordere Teil der Zelle mit Chlorellen besetzt ist oder nicht. Genaue Beobachtung ergab dann aber beide Situationen. So halte ich Kahls Differenzierung in zwei verschiedene Arten für hinfällig. Es ist dann aber noch zu prüfen, ob und wieviele Chlorellen in die Probe gerutscht sind und ob diese wirklich symbiotisch sind. Das kann mittelprächtig aufwendig werden bei der hohen Dichte an Algen in den Mooren rund um den Pillersee.

Ich hatte aber auch unentschiedene Fälle von Stichotricha sp. mit/ohne Chlorellen in früheren Proben meiner Maare hier, bei denen ich mir zunächst nicht sicher war. Hier traten im jahreszeitlichen Wechsel meist Individuen frei von Chlorellen in der selben Probe auf, wenn ein ephemeres Gewässer eben erst re-hydriert wurde (z.B. nach längerer Trockenheit gefolgt von Regenfällen). Ich denke da sind durchaus detailliertere Studien vonnöten, bevor man solche Spezies als eigene Art klassifiziert. So ist auch bekannt, dass man Paramecium bursaria in Kultur auch frei von Chlorellen bekommt. Andererseits sind Ciliaten bekannt, bei denen verschiedene Chlorella Spezies symbiotisch mit den Wirten gefunden wurden (die Arbeit habe ich auf Anhieb nicht gefunden). Das wäre dann vermutlich noch mikrobiologisch, aber auch genetisch zu verifizieren (z.B. Art der Chlorellen, genetische Differenzierung der Ciliaten von Formen ohne Chlorellen). Wofür mir momentan zwar nicht die Mittel, aber noch das Wissen fehlt.

Solche Tests führe ich inzwischen auch durch, indem ich trockene Erde von den ausgetrockneten Gewässern mit nach Hause nehme, wieder bewässere, oder Proben nach Monaten trocken fallen lasse und später rehydriere, um zu sehen, welche Spezies Dauerstadien bilden und wie sie hernach aussehen (das tun in solchen ephemeren Gewässern wohl die meisten Arten, sonst wären sie nicht überlebensfähig). So gelang es mir bei meinen Strichotricha herauszufinden, dass sie wohl keine Zoochlorellen besitzen, manchmal aber so aussehen, als ob. Bei den gefundenen Exemplaren am Pillersee bin ich mir, wie gesagt nicht sicher, weil dieser Test einfach fehlt. Inzwischen bin ich mir aufgrund meiner bisherigen Beobachtungen nicht einmal mehr sicher, ob es sich bei Stichotricha aculeata und Stichotricha secunda überhaupt um zwei verschiedene Arten handelt, solange man nicht zweifelsfrei zwei genetisch verschiedene Arten findet, von denen eine immer(!) Zoochlorellen besitzt. Denn die, die ich bisher fand können manchmal durchweg mit Chlorellen durchsetzt sein, müssen aber nicht. Da gehört einfach mehr dazu, als immer wieder bei Schönwetter auszuziehen, um mal eine Probe zu nehmen, weil es gerade nicht ausgetrocknet ist und stattdessen gut im Wasser steht und viel Sonne hat. Gerade die Trockenphasen sind entscheidend, wie ich inzwischen weiß.

Mit der Einstufung als symbiotische Algen wäre ich daher zunächst vorsichtig. Chlorella kann sehr widerstandsfähige Zysten ausbilden, mit denen sie auch symbiotische Formen bilden kann(!). Ich habe schon Spirostomum spec. bei der Defäkation beobachtet, die weitgehend unverdaut erscheinende Chlorella oder auch bestimmte Flagellaten unversehrt wieder ausgeschieden haben. Chlorella können also sicherlich auch mehrfach unbeschadet durch den Ciliaten-Organismus wandern, so dass man den Eindruck bekommt, sie wären (dauerhaft und) symbiotisch in der Zelle eingeschlossen. Das liegt, nach dem was ich bisher gelesen habe, wohl eher an den Eigenschaften einiger widerstandsfähiger Chlorella Arten.

Da hilft nur beobachten, überlegen, beobachten, nochmal überlegen und wieder beobachten.

Viele Grüße

Thilo
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