Was passiert im Stiel von Stentor coeruleus?

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KarlFriedrich
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Was passiert im Stiel von Stentor coeruleus?

#1 Beitrag von KarlFriedrich » 12. Juli 2026, 15:26

Hallo an alle,

ich habe in einer frischen Probe aus einem Waldteich bei Bonn zahlreiche Exemplare von Stentor coeruleus gefunden. Zwei Individuen fielen durch die ungewöhnliche Form ihrer Stiele auf:

Individuum 1 zeigte eine fast rautenförmige Verdickung im Stiel, die auch im gestreckten Zustand erhalten blieb, im verkürzten Zustand etwas an Dicke zunahm und näher am eigentlichen Zellkörper lag. Vielleicht hat die "Raute" nur mit der Verwindung des Stiels zu tun? Bild 1 HF 100x Ausschnitt, Bild 2 HF 400x Ausschnitt.
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bild_1.jpg (249.38 KiB) 86 mal betrachtet
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bild_2.jpg (129.25 KiB) 86 mal betrachtet
Individuum 2 zeigte eine Art riesige, gefüllte Vakuole im Stiel, die m.E. ein weiteres, sehr großes inaktives Wesen einschloss. Von der Färbung her könnte das eingeschlossene Wesen eine kontraktierte Form des Stentors sein. Bild 3 HF 100x Ausschnitt, Bild 4 HF Ausschnitt.
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bild_3.jpg (281.14 KiB) 86 mal betrachtet
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bild_4.jpg (166.62 KiB) 86 mal betrachtet
Ich weiß, dass die Zellteilung beim Stentor einen etwas eigenen Ablauf hat. Und ich weiß, dass es Kannibalismus beim Stentor gibt. Aber DAS hier passt so gar nicht zu dem, was ich in folgendem Video
https://www.reddit.com/r/microscopy/com ... _division/ sehe, und so tief im Stiel eine riesige Nahrungsvakuole will mir auch nicht einleuchten. Und keine Ahnung, ob die Phänomene an Individuum 1 und Individuum 2 überhaupt miteinander zu tun haben.

Was ist das hier in meiner Probe?

Liebe Grüße
Euer
Karl Friedrich

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Re: Was passiert im Stiel von Stentor coeruleus?

#2 Beitrag von KarlFriedrich » 13. Juli 2026, 07:29

Nachtrag:

Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob das hier ein Stentor coeruleus ist. Ich sehe in meinem HF Mikro keine klassische "Perlenkette" als Makronukleus. Von der Größe her würde Stentor multiformis besser passen. Der soll auch bläulich sein. Aber der einschlägige "Wassertropfen" kennt den nicht. Sorry!

Grüße
Karl Friedrich

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paramecium
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Re: Was passiert im Stiel von Stentor coeruleus?

#3 Beitrag von paramecium » 14. Juli 2026, 20:12

Hallo KarlFriedrich,

ich meine einen moniliformen Zellkern mit einigen wenigen Zellkernpaketen in Deinen Aufnahmen zu sehen, das ist aber nicht sicher. Die Zellteilung bildet oft skurrille Nebenformen aus. Am Stiel habe ich dies noch nicht beobachtet, schließe jedoch nicht aus, dass in der frei schwimmenden Form ingestierte Nahrung auch in einen später gebildeten Stiel verlagert wird. Dein Exemplar scheint die dichte Pigmentierung verloren zu haben. Das passiert, wenn sie Abwehreaktionen zeigen (z.B. bei der Präparation). Die in den pigmentierten Granulen enthaltenen Gifte haben genau diese Funktion, sich zu schützen. Heterotriche Ciliaten, wie Stentor oder Spirostomum, können auch nach Verletzungen regenerieren und eine Weile skurril auszusehen. Für den bis zu 4mm langen Spirostomum ambiguum habe ich schon kugelige Formen beobachtet, die ich im ersten Moment nicht zuordnen konnte, in Kultur nahm und erst am nächsten Tag in ihrer ausgestreckten Form beobachten konnte.

Wir haben hier im Forum den Bestimmungsschlüssel zu Stentor von Foissner & Wölfl (1994) . Zu den grün bzw. blaugrün pigmentierten Arten gehören neben S. coeruleus auch S. loricatus, S. baicalius, S.introversus, Stentor multiformis oder Stentor nanus. Foissner benennt einige dieser Arten als Synonyme anderer.

Foissner & Wölfl (1994) bilden S. coeruleus in der Tat so lang ab, wie Du ihn beobachtest. S. loricatus soll dunkelgrün erscheinen, bildet gewöhnlich auch eine Lorica aus, nicht jedoch, wenn er sich im Präparat eben nieder gelassen hat. Er hat einen vermiformen, d.h. länglich schlauchförmigen Zelllkern. Das konnte ich in Deinen bisherigen Bildern jedoch auch nicht erkennen. Eher seegrün erscheint S. baicalius. S.introversus ist ebenfalls blaugrün. Foissner führte die letzte Art als eigene Art und unterscheidet sie von S. coeruleus. Zu dieser Art gibt er jedoch keine Form des Zellkerns an. S.introversus wurde für die USA beschrieben (Alabama). S. baicalius wurde für den Baikalsee beschrieben.

Ich habe S. coeruleus in Kultur. Dieser Stamm bildet in der Regel keine langen Trompeten, erscheint lediglich frei schwimmend länglicher, sonst eher gedrungen im mikroskopischen Präparat. Ich denke, das hängt auch von der Verfassung ab. Dieser Stamm tendiert gelegentlich farblich sogar ins dunkle Blaugrün-Violett. Sehr spannend.

Man muss die Diagnose mit Vorsicht genießen, da Foissner nur phänomenologisch arbeitete. Der Schlüssel erscheint nicht vollständig, da für einige Arten nur die Farbe, nicht jedoch die Form des Zellkerns beschrieben ist. Das gilt leider für viele Bestimmungsschlüssel, die gelegentlich solche Widersprüche oder Lücken beherbergen. Hier liegt noch eine Menge Arbeit vor uns.

Viele Grüße

Thilo

KarlFriedrich
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Re: Was passiert im Stiel von Stentor coeruleus?

#4 Beitrag von KarlFriedrich » 15. Juli 2026, 08:05

Guten Morgen, Thilo!

herzlichen Dank für Deine Hinweise und Erklärungen!

In einer ruhigen Minute will ich mir den Bestimmungsschlüssel noch mal genauer ansehen und die weiteren Fotos nochmal daraufhin durchschauen. Aber für mich ist interessanter, zu verstehen, WAS ich sehe, als nur einen korrekten Namen für das Wesen zu haben ... Entscheidender für mich ist daher Dein Hinweis, dass sowohl eine "skurrile" Form der Zellteilung als auch eine dislozierte Nahrungsvakuole denkbar sind. Danke, dass ich an Deiner großen Erfahrung teilhaben darf.

Grüße
Karl Friedrich

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