Spirostomum n.sp.

Wimpertiere und Sauginfusorien
Antworten
Nachricht
Autor
Benutzeravatar
paramecium
Beiträge: 218
Registriert: 17. Oktober 2016, 13:48

Spirostomum n.sp.

#1 Beitrag von paramecium » 12. April 2019, 19:53

Liebe Tümpler,

in einer schier nicht enden wollenden Probe aus einer der hiesigen Maare habe ich eine Spirostomum Art entdeckt, die ich hier vorübergehend als Spirostomum n.sp. (nova species) führen möchte. Die Vergleichsliteratur gab eine Bestimmung dieser Art bisher nicht her. Ich möchte sie definitiv von den übrigen Arten unterscheiden, die ebenfalls in dieser Probe vorhanden waren, nämlich Spirostomum teres (nur ein Macronucleus) sowie Spirostomum ambiguum. Sp. ambiguum ist eine der größeren Arten, welche doch recht kompakt und meist recht undurchsichtig daher kommt, da die Granula meist gefärbt ist. Die etwas kleinere Art Sp. intermedium, welche Foissner mit Sp. minus zusammenführte, ist zwar ebenfalls transparenter in der Erscheinung, jedoch erfahrungsgemäß ähnlich "plump" wie Sp. ambiguum. Kahl beschrieb mit Sp. minus einer Beschreibung von Roux (1901) folgend jedoch einen kleineren "Sumpfwurm" mit einer kontraktilen Vakuole, die im Verhältnis zur Körperlänge bis zur Hälfte der Größe betragen konnte. Die Beschreibung bei Foissner und die Gründe, weswegen man Sp. minus und Sp. intermedium zusammenführte, verwirrt daher. Ich denke, Roux beschrieb eventuell eine neue Art und Kahl stufte diese ebenfalls als neue Art ein.

Im Gegensatz hierzu hat das hier vorgestellte, nadelig zarte Geschöpf, von dem ich in den 25 µl Probenvolumen des Präparats bereits zwei Exemplare fand, eine deutlich abweichende Form und Größe. Auffällig ist die im vergleich zur Körperlänge sehr große kontraktile Vakuole, die bis zu 1/3 der Körperlänge im hinteren, deutlich schlankeren Bereich einnimmt. Eine ähnlich schlanke Art, nämlich Sp. subtilis (Boscaro et al. 2014) kann wohl ausgeschlossen werden, da unter anderem die Anordnung der Granula nicht übereinstimmt. Ferner ist anzumerken, dass sich die Exemplare, analog zu den übrigen Spirostomum Arten, ruckartig kontrahieren können und dann eine spiralig gewundene Struktur der Granula zeigen. Auch dies ist typisch für Spirostomum Arten. Darauf wies bereits Alfred Kahl (1932) hin.


Bild 1: Ein Größenvergleich von Spirostomum n.sp. (oben) und Spirostomum teres (unten). Die kontraktile Vakuole ist links oben zu sehen und beträgt bei diesem Exemplar 1/4 der Körperlänge.
Bild

Bild 2: Die Mundöffnung entspricht eindeutig der Gattung Spirostomum. Die Granula ist am vorderen Körper dreireihig, im Bereich der kontraktilen Vakuole jedoch nur einreihig.
Bild

Bild 3: Erst die Kernfärbung lässt eine Differenzierung der Phagosome (grün bis rot) und des blau markierten, moniliformen Macronucleus (Ma) zu. Hier sind einige der Pakete des Ma abgebildet, weitere liegen von Phagosomen verdeckt. Ph* markiert ein gerade an der Mundöffnung entstehendes Phagosom (Nahrungsvakuole). Gefressene Bakterien DNA ist ebenfalls bläulich gefärbt. Besonders hübsch an dieser Aufnahme finde ich die plastische, ballonförmige Struktur dieser gerade entstehenden Abschnürung eines neuen Phagosoms am inneren Ende des aufgehellten Peristoms (Pe, Mundkanal). Der Kerl hat gemessen an seiner fragilen Erscheinung einen stattlichen Appetit. Am Rand der Pellicula erkennt man, dass die Granula auch von Acridinorange gefärbt erscheint, offenbar also saure Organellen darstellt.
Bild
Dateianhänge
Sp_n.sp.-HF.jpg
Sp._n.sp-Mundoeffnung.jpg
Sp_n.sp.-FL.jpg
eMail: paramecium@microinformatics.net [Thilo Bauer]

Benutzeravatar
Pelagodileptus
Beiträge: 25
Registriert: 2. April 2019, 21:43

Re: Spirostomum n.sp.

#2 Beitrag von Pelagodileptus » 14. April 2019, 09:58

Hallo Thilo,

vielen Dank für die ausführliche Berichterstattung! In meinen Tümpeleimern habe ich auch einige Spirostomum -Arten, die ich aber noch nicht so richtig unter die Lupe genommen habe. Ich konnte aber des öfteren beobachten, dass bei Probeentnahmen mit einer zu engen Pipette, die Tiere leicht verletzt wurden und dann mitunter Veränderungen zeigten und damit auch Fragen aufwerfen, die einen Verzweifeln lassen können. Da fehlt halt leider die tägliche Routine, wie ich sie beim Wilhelm Foissner immer wieder erfahren durfte. Das gleiche gilt auch nach Teilungsvorgängen, da diese ja nicht in der natürlichen Umgebung stattfinden. Ein Mikroaqurium wie vom unserem Forumsmitglied Michael beschrieben, könnte hier etwas mehr zur Beobachtung und Aufklärung beitragen. Auch Teilungsvorgänge zählen hier zu.

Ich habe noch ein Bild, wo ein Spirostomum n.sp. der mehr als merkwürdig aussieht in Erinnerung. Ich muss da mein Archiv mal durchsuchen :wicked_015: und es zeigen...

Danke nochmal für den tollen Beitrag,
Michael

Benutzeravatar
paramecium
Beiträge: 218
Registriert: 17. Oktober 2016, 13:48

Re: Spirostomum n.sp.

#3 Beitrag von paramecium » 14. April 2019, 12:05

Lieber Michael,

an die Geschwindigkeit, mit der Wilhelm Foissner Ciliaten mit der Pipette vereinzelte, erinnere ich mich noch sehr gut: "Und zack...!". Unglaublich. Ich hätte noch viele Fragen.

Spirostomum machen einem das Leben schon ziemlich schwer. "Umweltmodifikationen", wie sie bereits Kahl beschreibt, verwirren obendrein. Eigentlich hat man nur Gewissheit, wenn man mehrere Individuen mit der gleichen "Modifikation" findet. Ein weiteres Problem bei Spirostomum ist der Umstand, dass man häufig mehrere Arten nebeneinander findet, obwohl es Nahrungskonkurrenten sein müssten. Nahrung ist für diese Spezialisten ephemerer Gewässer saisonal im Überfluss vorhanden. Das macht die Bestimmung nicht einfacher.

Ich nutze seit Jahren ausschließlich einstellbare Mikroliter-Pipetten mit Einwegspitzen (Größe: 20-200µl). Diese Standardspitzen haben einen ausreichenden Durchmesser für die meisten Ciliaten.

Einwegspitzen nutze ich, um die Proben aus den verschiedenen Entnahmestellen nicht gegenseitig zu kontaminieren. Da hängt schnell mal eine Zyste oder ein Ei eines Gastrotrichen oder Rädertier aus dem Modder dran und schon ist eine andere Kultur versaut. Vor einer Woche habe ich eine Kultur von den gefundenen Paramecien angesetzt. Es ist unglaublich, wie viele Arten wir gestern in dieser Zweigkultur nach einer Woche fanden. Darunter plötzlich auch Spirostomum ambiguum und Sp. teres. Herausgefischt hatte ich jedoch nur einzelne, frei schwimmende Paramecien. Offenbar hafteten an der Pipette ausreichend viele Zysten der übrigen Arten.

Gruß

Thilo
eMail: paramecium@microinformatics.net [Thilo Bauer]

Antworten